13. JULI 2026 DIE LETZTE WM IN DEN DREI STREIFEN
Während in Kanada, den USA und Mexiko die Fussball-Weltmeisterschaft 2026 läuft, trägt die deutsche Nationalmannschaft ein letztes Mal etwas, das älter ist als die Bundesrepublik selbst: die drei Streifen auf der Brust. Es ist die letzte Weltmeisterschaft, in der das DFB-Trikot von adidas stammt. Ab dem 1. Januar 2027 rüstet Nike alle Nationalmannschaften des Deutschen Fussball-Bundes aus – das Ende einer Partnerschaft, die über sieben Jahrzehnte gehalten hat.
Aus Sicht unserer Stiftung, die dem Lebenswerk von Adi und Käthe Dassler gewidmet ist, lohnt sich an diesem Wendepunkt ein Blick zurück: Wie ist diese Bindung über Jahrzehnte gewachsen – und wie konnte etwas, das so viel mehr war als ein Liefervertrag, am Ende an einer einzigen Zahl zerbrechen?
Eine Bindung, die kein Vertrag stiftete
Wer das Ende dieser Partnerschaft verstehen will, muss zunächst begreifen, wie ungewöhnlich ihr Anfang war. Sie begann nicht mit einer Unterschrift, sondern mit einem Schuh – und mit einer persönlichen Nähe, wie sie heutige Sponsoringverträge nicht mehr kennen.
Auf dem Saum des aktuellen DFB-Trikots steht: „Seit 1954 Partner der deutschen Nationalmannschaft." Das Jahr verweist auf das Endspiel der Weltmeisterschaft in der Schweiz, das „Wunder von Bern", den 3:2-Sieg gegen die favorisierten Ungarn. Doch die Formulierung „Partner" trifft kaum, was Adi Dassler in jenem Sommer war. Er stand nicht neben der Mannschaft, er gehörte zu ihr – als offizieller Zeugwart so selbstverständlich Teil des Teams wie die elf Spieler auf dem Platz. Er sass auf der Bank neben Bundestrainer Sepp Herberger, mit dem ihn eine über Jahre gewachsene Freundschaft verband. Und als auf dem regennassen Rasen alles auf dem Spiel stand, schraubte er in der Halbzeit eigenhändig die längeren Stollen unter die Schuhe – „Adi, stoll auf!", wie Herberger ihn aufforderte, wurde zum geflügelten Wort.

Bemerkenswert ist, was dieses «Gründungsjahr» verschweigt: 1954 war noch keine Trikot-Partnerschaft. Die Hemden stammten damals vom längst verblichenen Hersteller Leuzela, beim WM-Titel 1974 lieferte Erima die Kleidung. Erst seit 1980 stattete adidas das Team durchgängig mit Trikots aus. Die Verbindung wuchs also über Jahrzehnte – vom Schuh über den persönlichen Kontakt bis zur kompletten Ausrüstung – und gerade weil sie nicht aus einem einzelnen Deal entstand, wurde sie zu etwas, das über das Geschäftliche hinausging: adidas wurde gewissermassen Teil der Identität der deutschen Nationalmannschaft.
Was über sieben Jahrzehnte zusammenwuchs
Die Bilanz dieser Verbindung lässt sich in Titeln messen. Bei allen vier Weltmeistertiteln und allen drei Europameistertiteln der Männer war adidas Ausrüster; ebenso bei den beiden WM-Titeln und acht EM-Titeln der Frauen. Über mehr als 70 Jahre wurden eine fränkische Schuhwerkstatt und ein Fussballverband zu einer der längsten und traditionsreichsten Partnerschaften, die der internationale Sport kennt.
Diese Dauer war kein Selbstläufer. Sie wurde immer wieder bekräftigt, mitunter sogar gerichtlich vermittelt und vorzeitig verlängert. Beide Seiten beschworen über die Jahrzehnte hinweg eine Beziehung, die mehr sein sollte als ein Lieferverhältnis: gemeinsame Werte, Nachwuchsförderung, gesellschaftliches Engagement. Der Vertrag, der zuletzt galt, lief bis Ende 2026 – und sollte nach dem Willen beider eigentlich weit darüber hinaus Bestand haben.
Wie es zerbrach
Im März 2024 endete diese Kontinuität abrupt. Der DFB verkündete, ab 2027 von adidas zu Nike zu wechseln. Bemerkenswert war nicht nur die Entscheidung selbst, sondern ihre Art: adidas wurde nach eigener Darstellung überrumpelt und erst über den bereits unterschriebenen Deal informiert. Eine über 70-jährige Verbindung endete damit nicht im beiderseitigen Einvernehmen, sondern als vollendete Tatsache.
Den Ausschlag gab das Geld. Der bisherige Vertrag brachte dem DFB rund 50 Millionen Euro jährlich – bereits der teuerste Ausrüstervertrag für einen Sportverband weltweit. Nike soll Medienberichten zufolge etwa das Doppelte bieten, rund 100 Millionen Euro pro Jahr. Der DFB, sportlich und finanziell unter Druck, begründete den Schritt offen mit wirtschaftlichen Gesichtspunkten; man blicke dank Nikes Zusage „wieder in eine wirtschaftlich stabile Zukunft", hiess es vonseiten des Verbands. SD: Es wurde seitens DFB adidas nicht die Chance gegeben mitzubieten…
Damit löst sich eine Bindung, die über ein dreiviertel Jahrhundert gewachsen war, an einer Zahl auf. Was als persönliche Nähe zwischen einem Tüftler und einem Bundestrainer begonnen hatte und über Jahrzehnte zur Identität wurde, weicht der schlichten Logik des höheren Angebots. Für adidas wiegt der Verlust dabei weniger wirtschaftlich – über 90 Prozent des Umsatzes erzielt das Unternehmen ohnehin im Ausland – als symbolisch: Es verliert das nationalste aller deutschen Sportsymbole, und zwar an genau jenen US-Rivalen, gegen den es sich jahrzehntelang als europäischer Gegenpol behauptet hatte.
Was bleibt, wenn die Streifen gehen
Es wäre verkürzt, das Ende der DFB-Partnerschaft als Niederlage von adidas zu lesen. Bei dieser Weltmeisterschaft stellt die Marke mit den drei Streifen noch immer mehr Nationaltrikots als jeder andere Hersteller. adidas führt das Feld an, gefolgt von Nike und Puma; gemeinsam kleiden die drei grossen Marken über drei Viertel der teilnehmenden Teams ein. Im Verlauf der K.-o.-Runde ist der Abstand allerdings geschmolzen – erstmals seit Langem ist es kein reines Zweikampf-Rennen mehr, sondern ein offener Dreikampf.
Und auch nach 2027 verschwindet adidas keineswegs aus dem Fussball: Die Marke bleibt offizieller Ballausstatter der FIFA-Weltmeisterschaft – eine Verbindung, die bis zum Telstar von 1970 zurückreicht, dem ersten WM-Ball aus Herzogenaurach, dessen schwarz-weisses Muster ihn im damaligen Fernsehen besser sichtbar machte. Was adidas behält, ist also nicht das werbewirksame Trikot, sondern das technische Kernprodukt, der Ball selbst. Der Schuh und der Ball* – das Handwerk – waren Adi Dassler stets wichtiger als das Symbol.
Und doch sollte dieser Trost nicht darüber hinwegtäuschen, was verloren geht. Der Wert, um den es hier geht, lässt sich nicht kurzfristig herstellen und nicht ersetzen – er ist über Generationen gewachsen: aus Adi Dasslers Nähe zu den Athleten, aus Bern 1954, aus vier Weltmeistertiteln unter denselben drei Streifen. Ein Trikot wird dadurch zum Träger von Erinnerung, und genau diese Schicht aus Geschichte und Vertrauen verschwindet mit dem Wechsel, lange bevor das erste Trikot mit dem neuen Logo verkauft ist.
Dass eine solche Bindung am Ende dem höheren Angebot weicht, ist betriebswirtschaftlich nachvollziehbar; ein Verband muss wirtschaften, und die Differenz war beträchtlich. Aus Sicht des Lebenswerks von Adi und Käthe Dassler aber bleibt es ein bedauerlicher Vorgang. Denn Adi Dassler hat vorgelebt, was Partnerschaft im eigentlichen Sinne bedeutet: nicht ein Logo auf der Brust gegen eine Summe auf dem Konto, sondern Zugehörigkeit – einer, der zur Mannschaft gehörte, nicht einer, der sie nur belieferte. An diesem Massstab lässt sich jede Partnerschaft messen, auch jede künftige: Trägt sie nur einen Namen, oder teilt sie ein Schicksal?
Die letzte WM in den drei Streifen ist deshalb mehr als eine Fussnote der Sportgeschichte. Was ein Tüftler und ein Bundestrainer einst auf einer Bank in Bern begründeten, lässt sich nicht in derselben Währung aufwiegen, in der es nun beendet wird – und so ist dieser Sommer ein Anlass, sich daran zu erinnern, woraus dieses Erbe einst gemacht wurde, und was es wert gewesen wäre, es zu bewahren.