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05. NOVEMBER 2021 »DRECK AN DEN SCHUHEN« – UWE SEELER WIRD 85

Heute feiert Uwe Seeler aus Hamburg seinen 85. Geburtstag. Der Fernseh-Mann, Fußballkommentator, Musiker und Autor Reinhold Beckmann hat dem Jubilar eine anrührende TV-Hommage gewidmet. »Uwe Seeler – einer von uns« (zu sehen in der Mediathek des NDR). Alle, die in dem Film zu Wort kommen, verbeugen sich vor Uwe Seeler, dem ehemaligen Mittelstürmer. Der weise gewordene Politiker Wolfgang Schäuble sucht nach Worten und sagt dann: »Er ist in unserem Land« – Schäuble denkt noch einmal nach – »er ist einer der Allergrößten.«

Wir sehen »uns Uwe« mit seiner Frau Ilka in der Kirche, in der sie geheiratet haben. Seeler ist nach einem Unfall noch etwas klapprig, seine Frau – aufgeweckt, recht fit und frech-charmant – lässt Uwes Hand nicht los, achtet auf jeden seiner Schritte.

Vor dem Altar bleiben sie stehen.

Er »Hier is das gewesen, ja, hier war das.«

Sie: »Genau an dieser Stelle. Wie lang das her ist.«

Gerade mal 20 war sie da. Mit 15 hatte sie sich den Fußballspieler Uwe Seeler ausgeguckt. Es gab hübschere Burschen als ihn beim Hamburger SV, aber sie wollte den Uwe.

Als sie 20 war, machte er ihr einen Antrag. »Wie, Du willst mich heiraten?«, hat sie gefragt. »Weißt Du, worauf Du Dich einlässt?«

Ja, er sei sich ganz sicher.

»Ich kann nicht mal Wasser kochen.«

Egal.

Sie hat den Antrag angenommen, es wurde eine große Hochzeit, weil Uwe Seeler in Hamburg schon damals ein Fußballheld war.

»War eine schöne Zeit«, sagt er jetzt.

Sie drückt seine Hand. »Ja, ich bereue nichts. Weisste noch? Es hat ‘n büschen geregnet.«

»Hat es«, fragt er. »Weiß ich gar nicht mehr.«

Sie schauen sich an und sind zwei verliebte junge Menschen.

Mannomann, »uns Uwe« wird 85.

Deutscher Meister und Pokalsieger mit dem HSV. WM-Zweiter, -Dritter und -Vierter. Dreimal »Fußballer des Jahres«. Erster Torschützenkönig der Bundesliga 1963/64 mit 30 Toren. 72 Tore für die Nationalmannschaft, 137 Tore in der Bundesliga.

Und was für Tore! Auf dem Rücken liegend. Aus dem Gewühl. Mit der Glatze. Mit dem Hinterkopf…

Eins hat er gegen Schweden geschossen, danach durfte die Nationalmannschaft zur WM nach England.

Ilka wird ganz ernst: »Mäuschen, das war vielleicht Dein wichtigstes. Ohne dieses Tor wärt ihr 1966 nicht Vizeweltmeister geworden.«

Er nickt.

Dabei hätte 1965 niemand damit gerechnet, dass Uwe Seeler noch einmal ernsthaft Fußball spielen würde. Im Februar war er im Frankfurter Waldstadion von zwei Gegenspielern rüde angegangen worden. Nachdem er den Zweiten umkurvt hatte, tat es einen Knall, er stürzte zu Boden. Alle wussten: Der Uwe ist kein Schauspieler, da ist etwas Schlimmes passiert.

Die Achillessehne war gerissen. Das war damals das Aus für einen Fußballspieler. Das reparierte sich nicht mehr.

Seeler wurde operiert.

»Einen Tag nach der Operation hat mich Adi Dassler angerufen und gemeint, ,Uwe, mach‘ Dir keine Sorgen, wir kriegen das hin. Ich denke mir etwas für Dich aus.‘ Dann hat Adi mit dem Doktor geredet, und der hat mit ihm besprochen, wie meine neuen Schuhe sein müssten.«

Seeler war bald wieder auf den Beinen. »Ich bin kein geduldiger Mensch, aber damals habe ich nichts überstürzt.«

Ein paar Wochen nach der Operation besuchte Seeler die Dasslers in Herzogenaurach. Adi hatte sich einen Schuh ausgedacht, den der Sportler an der Ferse schnüren konnte und der die Sehne entlastete.

»Ich habe mich sofort wohl darin gefühlt. Habe den Schuh angezogen und nach einem halben Jahr wieder gespielt. Ein Wunder. Der Schuh war so gut, dass er danach vielen Sportlern mit der gleichen Verletzung geholfen hat, nicht nur Fußballern. Mein Paar habe ich getragen, bis sie auseinander gefallen sind. So war es immer mit Adis Schuhen. Ich habe sie erst ausgezogen, wenn vorne die Zehen raus geschaut haben.«

Der Adi, erzählt Uwe Seeler, war für ihn ein väterlicher Freund. »Wir haben uns 1953 in Herzogenaurach kennen gelernt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich danach bei den Dasslers war. Zuerst haben wir gearbeitet…«

Sie sind auf die Wiese, und Uwe trainierte in neuen Schuhen. Der Chef fragte, was dem Sportler passe – und wo der Schuh »drücke«. Seeler erstattete Bericht. »Manchmal haben wir die Tür ganz zu gemacht, Kaffee getrunken und diskutiert. Da durfte niemand dabei sein. Dann ging es um ,geheime‘ neue Ideen. Und die ,Spione‘ waren überall…«

Uwe Seeler bewunderte das Nimmermüde an Dassler. »Er hat sich nie zufrieden gegeben. Einmal gab er mir nagelneue Schuhe vor dem Training. Nach eineinhalb Stunden waren wir fertig. Ich bin es gewohnt, dass ich dreckige Schuhe selbst wasche und putze. Das habe ich getan und sie dem Adi zurück gebracht. Er schaute mich entgeistert an. ;Bist Du verrückt? Ich brauche Dreck an den Schuhen. Ich muss sie wiegen. Nur so kann ich die Stollen so setzen, dass möglichst wenig Erde dran hängen bleibt. Jetzt ziehst sie noch einmal an und rennst eine halbe Stunde über die Wiese.«

Und nach der Arbeit?

»Nach der Arbeit kam das Vergnügen. Die Dasslers waren wahnsinnig nett, es war immer lustig, der Wein ist nicht ausgegangen – und die Knödel von der Vroni: ein Gedicht!«

Anfang der 1960er interessierten sich die Bosse von Inter Mailand für Deutschlands besten Mittelstürmer. Millionen boten sie ihm.

Er ist in Hamburg geblieben.

»Warum?«, fragt im Film Reinhold Beckmann.

Seeler und seine Frau sitzen auf einer Bank in ihrem Garten. Sie halten Händchen, Ilka schmunzelt: »So, Mäuschen, erst erzählst Du Deine Geschichte, dann kommt meine Version.«

Seeler seufzt.

»Ja, also ich hatte einen guten Vertrag als Vertreter von adidas. Da bin ich 60000, 80000 Kilometer im Jahr mit dem Wagen unterwegs gewesen und habe Kunden Norddeutschland besucht. Das habe ich richtig gern gemacht. Der HSV hat mir für meine Fahrten zweimal in der Woche trainingsfrei gegeben. Und der Sepp Herberger und der Adi haben sich wohl zusammen getan und dafür gesorgt, dass ich nicht nach Italien wechselte.«

Jetzt ist Ilka dran:

»Das ist wohl alles wahr. Und es gibt noch einen Grund.«

Welchen denn, will Beckmann wissen.

»Die haben mit dem Uwe geredet und nur mit dem Uwe. Die haben nicht dran gedacht, auch mal mit mir zu reden. War ein Fehler. So wussten wir, wo unsere Freunde sind. Also bist Du in Hamburg geblieben, Mäuschen. Wir haben nicht mehr drüber geredet und wir haben es nie bereut. Stimmt’s?«

Stimmt.

»Jetzt«, sagt Uwe Seeler, »jetzt geht es uns gut. Wenn ich nur den verflixten Gehstock wieder in die Ecke schmeißen könnte. Wieder gesund sein…«

»Ach Mäuschen, es wird nie wieder, wie es mal war. Aber wir haben uns, unsere Freunde, die glücklichen Erinnerungen.«

»Ja«, sagt Uwe Seeler, »aber trotzdem: Es ist gut so. Älter-Werden ist nicht für Feiglinge. Aber wir sehen das Gute und nehmen es gerne. Ich habe gespielt, um zu gewinnen und die Leute glücklich zu machen. Ich wollte immer normal bleiben. Bis jetzt ist das Meiste gut gegangen. Also: Ein paar Jährchen würde ich gerne noch machen.«

Alles Gute, »uns Uwe«! Wirklich alles Gute!

Als Einblocke könntet ihr ein Zitat nehmen:

»In Hanau, wo ich das Kicken lernte, waren die »Uwe-Seeler«-Fußballschuhe der Hit. Blaue Sohle, von adidas, wunderbare Schuhe. Ich war so stolz, dass ich sie tragen durfte.«

(Rudi Völler, unter anderem Mittelstürmer-Legende, Weltmeister, Teamchef der Nationalmannschaft, Sportchef bei Bayer Leverkusen)

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Fussball-Weltmeisterschaft England 1966 (Training der Deutschen Nationalmannschaft; u.a. mit Adi Dassler und Uwe Seeler)

Ilka wird ganz ernst: »Mäuschen, das war vielleicht Dein wichtigstes. Ohne dieses Tor wärt ihr 1966 nicht Vizeweltmeister geworden.«

Er nickt.

Dabei hätte 1965 niemand damit gerechnet, dass Uwe Seeler noch einmal ernsthaft Fußball spielen würde. Im Februar war er im Frankfurter Waldstadion von zwei Gegenspielern rüde angegangen worden. Nachdem er den Zweiten umkurvt hatte, tat es einen Knall, er stürzte zu Boden. Alle wussten: Der Uwe ist kein Schauspieler, da ist etwas Schlimmes passiert.

Die Achillessehne war gerissen. Das war damals das Aus für einen Fußballspieler. Das reparierte sich nicht mehr.

Seeler wurde operiert.

»Einen Tag nach der Operation hat mich Adi Dassler angerufen und gemeint, ,Uwe, mach‘ Dir keine Sorgen, wir kriegen das hin. Ich denke mir etwas für Dich aus.‘ Dann hat Adi mit dem Doktor geredet, und der hat mit ihm besprochen, wie meine neuen Schuhe sein müssten.«

Seeler war bald wieder auf den Beinen. »Ich bin kein geduldiger Mensch, aber damals habe ich nichts überstürzt.«

Ein paar Wochen nach der Operation besuchte Seeler die Dasslers in Herzogenaurach. Adi hatte sich einen Schuh ausgedacht, den der Sportler an der Ferse schnüren konnte und der die Sehne entlastete.

»Ich habe mich sofort wohl darin gefühlt. Habe den Schuh angezogen und nach einem halben Jahr wieder gespielt. Ein Wunder. Der Schuh war so gut, dass er danach vielen Sportlern mit der gleichen Verletzung geholfen hat, nicht nur Fußballern. Mein Paar habe ich getragen, bis sie auseinander gefallen sind. So war es immer mit Adis Schuhen. Ich habe sie erst ausgezogen, wenn vorne die Zehen raus geschaut haben.«

HN AD E 039

Handschriftliche Notiz von Adi

Der Adi, erzählt Uwe Seeler, war für ihn ein väterlicher Freund. »Wir haben uns 1953 in Herzogenaurach kennen gelernt. Ich weiß gar nicht, wie oft ich danach bei den Dasslers war. Zuerst haben wir gearbeitet…«

Sie sind auf die Wiese, und Uwe trainierte in neuen Schuhen. Der Chef fragte, was dem Sportler passe – und wo der Schuh »drücke«. Seeler erstattete Bericht. »Manchmal haben wir die Tür ganz zu gemacht, Kaffee getrunken und diskutiert. Da durfte niemand dabei sein. Dann ging es um ,geheime‘ neue Ideen. Und die ,Spione‘ waren überall…«

Uwe Seeler bewunderte das Nimmermüde an Dassler. »Er hat sich nie zufrieden gegeben. Einmal gab er mir nagelneue Schuhe vor dem Training. Nach eineinhalb Stunden waren wir fertig. Ich bin es gewohnt, dass ich dreckige Schuhe selbst wasche und putze. Das habe ich getan und sie dem Adi zurück gebracht. Er schaute mich entgeistert an. Bist Du verrückt? Ich brauche Dreck an den Schuhen. Ich muss sie wiegen. Nur so kann ich die Stollen so setzen, dass möglichst wenig Erde dran hängen bleibt. Jetzt ziehst sie noch einmal an und rennst eine halbe Stunde über die Wiese.«

Und nach der Arbeit?

»Nach der Arbeit kam das Vergnügen. Die Dasslers waren wahnsinnig nett, es war immer lustig, der Wein ist nicht ausgegangen – und die Knödel von der Vroni: ein Gedicht!«

Anfang der 1960er interessierten sich die Bosse von Inter Mailand für Deutschlands besten Mittelstürmer. Millionen boten sie ihm.

Er ist in Hamburg geblieben.

»Warum?«, fragt im Film Reinhold Beckmann.

Seeler und seine Frau sitzen auf einer Bank in ihrem Garten. Sie halten Händchen, Ilka schmunzelt: »So, Mäuschen, erst erzählst Du Deine Geschichte, dann kommt meine Version.«

Seeler seufzt.

»Ja, also ich hatte einen guten Vertrag als Vertreter von adidas. Da bin ich 60000, 80000 Kilometer im Jahr mit dem Wagen unterwegs gewesen und habe Kunden Norddeutschland besucht. Das habe ich richtig gern gemacht. Der HSV hat mir für meine Fahrten zweimal in der Woche trainingsfrei gegeben. Und der Sepp Herberger und der Adi haben sich wohl zusammen getan und dafür gesorgt, dass ich nicht nach Italien wechselte.«

»In Hanau, wo ich das Kicken lernte, waren die »Uwe-Seeler«-Fußballschuhe der Hit. Blaue Sohle, von adidas, wunderbare Schuhe. Ich war so stolz, dass ich sie tragen durfte.«

– Rudi Völler, unter anderem Mittelstürmer-Legende, Weltmeister, Teamchef der Nationalmannschaft, Sportchef bei Bayer Leverkusen

Jetzt ist Ilka dran:

»Das ist wohl alles wahr. Und es gibt noch einen Grund.«

Welchen denn, will Beckmann wissen.

»Die haben mit dem Uwe geredet und nur mit dem Uwe. Die haben nicht dran gedacht, auch mal mit mir zu reden. War ein Fehler. So wussten wir, wo unsere Freunde sind. Also bist Du in Hamburg geblieben, Mäuschen. Wir haben nicht mehr drüber geredet und wir haben es nie bereut. Stimmt’s?«

Stimmt.

»Jetzt«, sagt Uwe Seeler, »jetzt geht es uns gut. Wenn ich nur den verflixten Gehstock wieder in die Ecke schmeißen könnte. Wieder gesund sein…«

»Ach Mäuschen, es wird nie wieder, wie es mal war. Aber wir haben uns, unsere Freunde, die glücklichen Erinnerungen.«

»Ja«, sagt Uwe Seeler, »aber trotzdem: Es ist gut so. Älter-Werden ist nicht für Feiglinge. Aber wir sehen das Gute und nehmen es gerne. Ich habe gespielt, um zu gewinnen und die Leute glücklich zu machen. Ich wollte immer normal bleiben. Bis jetzt ist das Meiste gut gegangen. Also: Ein paar Jährchen würde ich gerne noch machen.«

Alles Gute, »uns Uwe«! Wirklich alles Gute!