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08. DECEMBER 2021 DER »WINDHUND« - HORST ECKEL IM ALTER VON 89 GESTORBEN

Er wollte den runden Geburtstag feiern, auf seinen Neunzigsten hat sich Horst Eckel sehr gefreut. Klaglos hat er sich in diesem Jahr ein weiteres Mal operieren lassen und dann das »Altherren-Training« aufgenommen.

Früher war Horst Eckel beim Training der Schnellste. Der Fußballspieler aus der Pfalz hat sich nicht geschont, die Anderen auch nicht. Und wenn der Coach mit der Trillerpfeife das Schluss-Signal gab, guckte Horst Eckel vom Ball hoch und fragte:

»Was, jetzt schon? Herr Herberger: bitte noch eine Viertelstunde.«

Es gab Kollegen, die ihn dafür in diesen Momenten so gar nicht mochten.

Nach der Karriere als einer der besten Mittelfeldspieler des Landes in den 1950-ern kickte er noch eine Weile in der Provinz, jobbte als Trainer. Er unterrichtete in den Fächern Kunst und Sport, versuchte sich als Hotelier, zog mit seiner Frau Hannelore zwei Töchter groß, war Legende in seiner Heimatstadt Kaiserslautern. Eckel spielte Tennis und Tischtennis – nein, er »spielte« nicht, er wollte die Matches gewinnen. Abseits vom Sportplatz war er ein ausgesprochen sanftmütiger, oft lächelnder Mann. Er wurde von Ehrung zu Ehrung weiter gereicht, der Filmemacher Sönke Worthmann engagierte den mittlerweile 75-Jährigen als Berater für einen Film über die Fußball-Weltmeisterschaft 1954 (»Das Wunder von Bern«).

Als sein Körper müde wurde, hat Horst Eckel achselzuckend das »Training« verändert. Er arbeitete an sich, so gut er konnte. »Ich lasse mich nicht hängen«, sagte er. »Und das mit dem 90.en, das packe ich noch.«

Es hat nicht sollen sein. Im Alter von 89 ist Horst Eckel gestorben. Er war der Letzte aus der Elf, die 1954 das »Wunder von Bern« schaffte und im Endspiel um die Weltmeisterschaft Ungarn mit 3:2 besiegte.

»Ans Finale denke ich jeden Tag. Geht gar nicht anders.« Das hat er mal bei einem Besuch in Vogelbach gesagt. Er trug einen piekfeinen weißen Trainingsanzug mit den drei Streifen in Dunkelblau und ziemlich ramponierte Laufschuhe. Man saß bei Kaffee und Kuchen, Frau Hannelore schenkte nach und nötigte dem Gast ein zweites Stück Selbstgebackenen auf. Sie sagte nicht viel, war der »Protokollarische Dienst« ihres Mannes. So konnte er ungestört aus seinem Leben erzählen.

In Vogelbach ist Horst zur Welt gekommen. Man hatte nicht viel Geld, der Vater arbeitete bei der Bahn, die Mutter versorgte zwei Söhne und eine Tochter und kümmerte sich ums Haus. Horst war zaundürr und zäh – und er wollte vor allem raus zum Kicken. Spielte mit den Älteren und musste sich mit Wendigkeit und Pfiffigkeit durchsetzen. Im Krieg fiel Horsts älterer Bruder, »danach durfte ich nicht mehr auf die Straße, dann habe ich halt in der Stube die Lampen zerschossen.«

Mit 15 – er spielte im Dorf schon in der Ersten und würde bald eine Arbeit im Sägewerk aufnehmen – radelte Horst Eckel ins 30 Kilometer entfernte Kaiserslautern zum Betzenberg, wo die legendäre Mannschaft des 1. FC Kaiserslautern trainierte. Durch ein Loch im Zaun kroch er auf den Platz, fiel dem »Helden« der Zeit, dem legendären Fritz Walter, auf.

»Aus dem Bub wird mal ein Großer«, sagte Walter und erklärte sich zur Vaterfigur des Horst Eckel. Er stellte den »Windhund« dem Bundestrainer Sepp Herberger vor.

Ja, sagte der. Dieser Eckel, das wird mal einer. Fleißig. Einer für alle. Einer, der nie aufgibt. Schnell wie sonst keiner. Trinkt nicht, raucht nicht. «Dünner Sperber«. »Dürr wie eine Spindel«. Den baute Herberger auf.

Man schrieb das Jahr 1951 – und Herberger hatte eine Vision, die er still für sich behielt. Man hätte ihn für verrückt erklärt.

1954 stand Sepp Herberger kurz vor dem Ziel. Die Deutschen waren im Endspiel der Weltmeisterschaft.

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Es begannen 105 Minuten, die ein ganzes Land verändern würden. In der ersten Dreiviertelstunde verloren die deutschen Spieler in Bern gegen die Ungarn sofort den Boden unter den Beinen. Ruckzuck stand es 2:0 für die Favoriten.

Dann rappelten sich Herbergers »Männer«, scheinbar schon ausgeknockt, hoch. Als sie – erschöpft sahen sie aus – zur Pause in die Kabine schlappten, stand es 2:2.

Adi Dassler fixierte die langen Stollen in den Schuhen, Masseur Erich Deuser gab Tee aus, die Spieler hockten auf den Bänken, es roch nach Schweiß, muffigen Textilien und nach Arnika. Eigentlich hätte die Stimmung großartig sein müssen, kriegerisch, siegerisch. Aber Sepp Herberger würde sich Jahre später erinnern:

»Gestritten haben sie. Verteidiger Liebrich schimpfte mit den Stürmern, Rahn hatte es mit Posipal, Turek schnauzte Kohlmeyer an. Da habe ich zum ersten Mal richtig gebrüllt. ,Jetzt ist aber Ruhe‘, habe ich gerufen. ,Wir können hier Weltmeister werden, und ihr kriegt euch in die Haare. Jetzt rede ich. Die Ungarn werden jetzt gleich noch einmal über Euch herfallen. Die wollen den Sack zumachen. Passt auf! Ihr müsst noch einmal 45 Minuten brennen. Kämpft! Einer für alle, alle für Einen. Ihr wisst, um was es geht. So – und jetzt raus auf den Platz!‘ Danach war Ruhe. Bis der Schiedsrichter Ling den Kopf rein steckte und meinte: Let’s go!«

Während die Anderen stritten, saß Eckel stumm neben der Tür und konzentrierte sich auf die zweite Halbzeit. Er würde viel laufen müssen, er würde rennen wie noch nie im Leben, siegen würden er und die Anderen. Etwas anderes kam nicht in Frage.

Sie haben dann auch gewonnen. 3:2. Das »Wunder von Bern«.

Und dann?

Danach ging das »einfache« Leben des Horst Eckel weiter.

»Ich stand wieder morgens um sieben bei Pfaff. Feinmechaniker für Nähmaschinen. Neun Stunden am Tag. Wie zuvor auch. Wir hatten acht Tage Urlaub im Jahr und mussten unbezahlten Urlaub nehmen, wenn wir mit der Nationalmannschaft zu Länderspielen fuhren. Gleich nach der WM kamen Angebote aus dem Ausland. Ich hätte nach England gehen können. 150000 Mark Einmalzahlung und 6000 Mark im Monat. Fritz Walter boten sie 350000 Mark und 10000 im Monat. Aber es ist keiner gegangen, weil ja der Fritz abgelehnt hat.

In Kaiserslautern verdiente ich damals 320 Mark. Ich weiß, das versteht heute niemand, dass ich nicht gewechselt habe. Aber ich hätte sogar Geld gezahlt, um in Kaiserslautern spielen zu dürfen. Ich bin mit 17 zu Kaiserslautern gekommen, wurde Stammspieler, zum ersten Mal Deutscher Meister mit 19 und mit 22 Weltmeister. Was will man mehr. Ich habe alles erreicht, was ein Fußballer erreichen kann.

Die Menschen haben sich zum ersten Mal gesagt: Es kann aufwärts gehen. Die ganze Welt hat nicht an uns geglaubt. Wir waren politisch, wirtschaftlich und sportlich am Boden. Es war eine große Genugtuung, als krasser Außenseiter zu sagen: Wir sind Weltmeister.«

Holger Gertz, einer der klügsten deutschsprachigen Publizisten der Jetzt-Zeit, schreibt: »Horst Eckel wurde für Fritz Walter und die anderen früh Verstorbenen, was Egon Bahr für Willy Brandt war. Er hielt die Erinnerung wach, er erzählte die Geschichte des Wunders von damals weiter, so blieb sie am Leben. Kein böses Wort über Herberger, kein Witzchen, nicht mal über den alten Fritz. Kameradschaft? Klingt gestrig, wird dem bis ins Alter wachen Eckel nicht gerecht. Loyalität passt besser. Freundschaft.«

Das ist es. Es ging, es geht um Werte. Womit wir wieder bei Adi Dassler wären. Der nämlich hat Typen wie den »Windhund« aus der Pfalz geliebt.

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